queo blog

Ideen für die Schublade…oder?!

Letztens bin ich auf die Website www.unseenideas.com gestoßen und habe mir diese mit großem Interesse intensiver angeschaut.

Die Website wird von den Betreibern wie folgt beschrieben: “UnseenIdeas ist eine Online-Plattform die es erstmalig ermöglicht, bislang unveröffentlichte Arbeiten, Konzepte, Ideen oder Kampagnen weiteren potentiellen Interessenten zugänglich zu machen und sie zu verwerten. UnseenIdeas ist ein neuer Vertriebskanal für Kreative. Und für die Industrie ein völlig neuartiges Prinzip, schnell und unkompliziert an kreative, unveröffentlichte Ideen zu kommen, weltweit.”

Spannender Ansatz dachte ich und wollte nun wissen, wie das genau funktionieren soll. Dazu gibt es auf der Website ein schönes Erklärungsvideo, welches das Prinzip sehr anschaulich darstellt. So können Agenturen nach einer Registrierung bisher nicht verwertete Ideen einstellen und präsentieren – natürlich soweit unkenntlich oder abstrahiert, dass der ursprüngliche potentielle Kunde nicht oder nur schwer zu erraten ist. Ob das immer ohne weiteres gelingt, ist sicher fraglich. Unternehmen bzw. Agentur-Suchende haben nach Registrierung nun die Chance diese Ideen zu sichten und nach interessanten Ansätzen für Kampagnen zu suchen oder aber auch nur nach Agenturen, die so kreativ arbeiten, wie der Kunde es wünscht. Hat er interessante Ideen gefunden, kann er über das Portal (zuerst anonym) mit der Agentur Kontakt aufnehmen und sie nach intensiverem Austausch bei Interesse einladen. Auf diese Weise kommen Unternehmen über Ideen und Konzepte, die nie „draußen“ sichtbar wären zu neuen Agenturkontakten, Ideen und Ansätzen und Agenturen haben die Chance, Ihre bereits (teilweise umsonst) geleistete Arbeit für Akquise zu nutzen oder sogar einer Zweitbestimmung zuführen.

Warum ist dieser Ansatz nun so interessant und auch sicher umstritten?

Als Agentur hat man quasi ständig das Problem, dass Ideen, Konzepte oder Entwürfe für Kommunikationsmaßnahmen, Kampagnen etc. nicht in die Realität umgesetzt werden und damit in der Schublade verschwinden. Gründe dafür gibt es unzählige, sei es der Kunde mag die Idee nicht, das Budget passt nicht, der Pitch wurde nicht gewonnen, die Idee ist politisch nicht durchsetzbar, der Mut fehlt usw. Meist ist es schade um die Arbeit und die Mühe, die in eine solche Konzeption geflossen sind – allzu oft sind diese Konzepte zudem noch aus unbezahlten Pitches.

Dass diese Idee nicht nur Fans hat, ist gut vorstellbar und wird auch deutlich, wenn man bei WuV den Artikel liest und dann vor allem die Kommentare auf der WuV-Facebookseite. Hauptargument dagegen ist natürlich der Ideenklau, den dieses Portal angeblich forcieren wird. Das kann man so sehen, aber ob eine Idee nun in der Schublade versauert und irgendwann stirbt oder man die Gefahr eingeht, dass sie von einer anderen Agentur geklaut wird, ist aus meiner Sicht fast schon egal. Das Ergebnis, dass man damit kein Projekt generiert hat, bleibt gleich. Das Argument, dass man nicht jede x-beliebige Kampagne auf einen neuen Kunden übertragen kann, ist zulässig und meiner Meinung nach viel valider als die Gefahr des Ideenklaus. Hier muss sich am Ende jeder Kunde hinterfragen, ob er das wirklich will und evtl. sogar entlarvt wird, dass er die Ideen von dem Portal hat. Wobei auch hier feine Unterschiede bestehen. Wird eine Idee vorgestellt, kann ein anderes Unternehmen derselben Branche – eventuell sogar ein direkter Konkurrent – durchaus von einer anderweitig nicht genutzten Idee profitieren. Vielleicht fährt gerade das Unternehmen dann genau richtig damit oder besitzt den Mut, die Idee oder das Konzept umzusetzen. Dies würde ich in dem Fall als Win-Win Situation ansehen, denn auch die Agentur hat ihre Idee erfolgreich verkaufen können.

Ich sehe vor allem einen aus meiner Sicht viel interessanteren Aspekt. Dieses Portal (setzen wir mal voraus, es findet genügend Nutzer auf beiden Seiten) kann durchaus dazu dienen, neue interessante und kreative Agenturen zu finden bzw. aus Agentursicht von Unternehmen gefunden werden. Ich glaube, wenige Branchen sind so intransparent wie die Kommunikations- und Werbebranche. Entscheider in Marketing- und Kommunikationsabteilungen erhalten so eine alternative Möglichkeit, ein erweitertes Agenturscreening durchzuführen und eventuell auf neue Agenturpartner zu stoßen. Ob dies dann in einer Wildcard (finde den Begriff an sich etwas seltsam) endet oder “nur” eine Vorstellung erfolgt, ist dabei aus meiner Sicht erstmal egal.

Ich kann die Hysterie, die teilweise in den Kommentaren steckt, nicht ganz verstehen. Die Branche muss sich am Ende sowieso mit Änderungen und Brüchen auseinandersetzen, ob sie will oder nicht. Das Thema “Zweitvermarktung” ist daher durchaus ein legitimer Ansatz. Auch beim Thema Crowdsourcing von Kreativleistungen war der Aufschrei der Agenturen groß, inzwischen findet es aber in der Realität als ein alternativer Weg zu Ideen durchaus Anklang, ob man das mag oder nicht.

Mit UnseenIdeas wird nun ein neuer Markt geschaffen, von dem ich gespannt bin, wie er sich entwickelt. Im Grunde bieten sich hier Möglichkeiten, mit abgelehnten Ideen dennoch zu glänzen und die investierte Arbeit doch noch einem Mehrwert zuzuführen. Sei es durch das Finden neuer Kunden oder die Verwertung der entwickelten Idee selber. Klingt spannend, ist spannend – richtig interessant wird es dann, wenn Kunden dadurch zu Kampagnenideen kommen, umsetzen und damit Erfolg haben. Was werden die Ursprungskunden dazu sagen…?

Wir werden das sicher mal ausprobieren und sind gespannt, wie die Reaktion ist! ;-)