Arbeiten in der Werbebranche…auch in Dresden möglich?!
Hallo,
nachdem ich gestern mit Interesse diesen Spiegel-Artikel (Titel: “jung und matt”) zur Werbebranche und seinen Arbeitsbedingungen gelesen habe, frage ich mich, ob das Gejammer über solch schlechte Arbeitsbedingungen der “Ausgebeuteten” immer berechtigt ist.
Natürlich gebe ich dem Artikel grundsätzlich recht, dass die Werbebranche sicher eine sehr harte Branche ist mit Arbeitszeiten und Arbeitsanspruch, die dem normalen (deutschen) Verständnis nicht gerecht wird. Meiner Meinung nach, arbeitet die Branche aber auch seit Jahren mit größter Hartnäckigkeit daran, dass es immer schlimmer wird. Man pitcht sich gegenseitig zugrunde, entwirft für wenig oder sogar gar keine Entlohnung komplette Konzepte und Präsentationen, in der Hoffnung den Zuschlag zu erhalten. Darüber hinaus lässtman sich mit schöner Regelmäßigkeit von Kunden gegenseitig ausspielen. Der Austausch innerhalb und der Einblick in diese Welt fördert da Einiges an Erlebnissen zutage, die einen schwindelig werden lassen.
Andererseits muss man auch die in dem Artikel beschriebene Bewerber- bzw. Einstiegssituation und den damit einhergehenden Bedingungen kritisch sehen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Bewerber ziemlich eindimensional an Ihre Bewerbungen bzw. Karriereplanung gehen. Da gibt es nur 5-6 mögliche Wunschagenturen – natürlich immer die großen Kreativschmieden – und 3-4 Städte, die generell zur Wahl stehen. Diese Auswahl treffen dann 80 – 90% der Absolventen und die Agenturen klatschen freudig in die Hände, denn sie wissen, bei soviel Angebot und geringer Nachfrage sinkt der Preis. Tja, klassischer Fall von Angebot & Nachfrage Problematik.
Aus diesem Grund lasse ich das in dem Spiegel-Artikel skizzierte Gejammer von kostenlosen oder schlecht bezahlten Art Praktika nicht gelten. Es gibt außerhalb des oben beschriebenen engen “Agentur-Stadt-Korridors” noch eine Menge kleiner aber nicht weniger anspruchsvoller Agenturen mit interessanten Kunden und herausfordenden Projekten. Natürlich betreut nicht jeder VW und Coca-Cola, aber auch (wie im Artikel nett beschrieben) wird dies nicht jeder Einsteiger bei großen Agenturen machen dürfen. Dass Margarine oder andere Allerweltsprodukte oder vielleicht sogar schwer erklärbare Industriegüter schlechter angesehen sind, kann ich nicht verstehen. Gerade dort sind hohe Kreativität und Leistung gefragt - resultierend aus Markt- und Produktverständnis gepaart mit einem kleineren bis mittleren Budget. Dort muss meist der erste oder zweite Schuss sitzen… sprich sind Kreativität und gute Ergebnisse dort kein Ergebnis der Statistik großer Zahlen sondern gezieltem und bewusstem Vorgehen.
Was soll dieser Beitrag nun aussagen? Nun ja, wir suchen seit Monaten geeignete Bewerber für zwei Junior Art Director Stellen und finden keine bzw. sind die Bewerber interessiert, wollen aber nicht nach Dresden. Schade! Entweder hat diese Stadt ein Imageproblem oder wir als Agentur. Nach der Reaktion der Bewerber vor Ort zu urteilen, kann letzteres nicht stimmen. Gut, es kann natürlich sein, dass die Bewerber nicht sofort als JAD arbeiten wollen…aber auch da sind wir flexibel. Wir würden auch ein Art Praktikum anbieten. Gern auch zu den im Spiegel-Artikel genannten Konditionen. Man soll ja mit Gewohnheiten nicht brechen.
Verrückte Werbewelt…
Tatsache ist wohl das in keiner anderen Branche wie in der Werbung die Erwartungen und die Realität des Alltag so weit auseinander klaffen. Artikel wie im Spiegel versuchen immer mal wieder diesen Mythos zu entkräften. Aber gibt es da nicht den Freund eines Freundes der es in wenigen Jahren vom Praktikanten zum gutverdienenden Art Direktor geschafft hat?
Unter Studienanfängern, z.b. mit Schwerpunkt BWL-Marketing, aber noch viel mehr bei den spezialisierten Werbeschmieden (Stadt an der amer. Ostküste mit viel Sonne) herrscht ein absolut glorifiziertes Bild vom schnellen Geld und ewigen Ruhm. Ist ja klar, wie sonst kann man jahrein, jahraus genügend Leute bei der Stange halten das später mal die ausbeuterischen Arbeitsbedingen mitmacht. Wahrscheinlich kann in keinem anderen Sektor kann einen solch ein rascher Aufstieg in eine Führungsposition gelingen. Und diese Erwartungen sind ein absolut effektiver Motivator. Wieso soll gerade ICH es nicht schaffen? Eigentlich ein absolutes Lotteriespiel. Und leider vergessen die meisten das die ganze Sache auch ein beinharter Verdrängungswettbewerb ist. Von den ganzen Leuten die sich jahrelang für ein Praktikantengehalt (das Einstiegsgehalt als Junior Accounter oder Junior AD ist auch nicht viel höher) rumschlagen kommt eben nur ein sehr kleiner Prozentsatz oben an. Survival of the fittest at its best. Der grosse Rest aber verbleibt in der täglichen pitch Mühle und geniesst keine Priviligien. Das ist bekannt und daher zieht die Branche auch ein bestimmtes Klientel von Persönlichkeitsprofilen an. Wer sich diesem Spiel nicht aussetzen will macht nicht den bewussten Schritt in die Werbung.
Andererseits, wen man diesem Zirkus mitmacht sollte doch auch eine relle Chance auf Erfolg bestehen. Hier spielen die etablierten Agenturen in einer eigenen Liga, weil sie zum einen mit einem Portfolio von grossen & sexy Marken locken können und auch einen Ruf als Durchlauferhitzer geniessen. Nach ein paar Jahren harten schuftens in der Agentur kann man sich dann bequem auf Kundenseite zur Ruhe setzen. Vorausgesetzt man übersteht über Jahre den täglichen Kampf in der Agentur.
Werbung ist ein Mikrokosmos. In Frankfurt, Düsseldorf oder Hamburg geht man abends natürlich mit den Kollegen zusammen weg. Und nicht nur mit den eigenen Kollegen, sondern auch mit den Kontaktern von der Konkurrenz. Schliesslich hängen eh alle in denselben Läden ab. Der Kunde ist permanent auf der Suche nach besseren Lösungen, was also heute noch sein Account ist könnte morgen meiner sein. Besser also schonmal die Lage sondieren. Ein anderes Beispiel zum Mikrokosmos Werbung ist der Bauer-Agency Cup. Einmal im Jahr treffen sich fast alle Agenturen aus Deutschland um irgendwo zusammen um ein Fussballturnier zu zelebrieren. Eigentlich ist das ganze eine grosse Party über 3 Tage. Andererseits ist dieses Event natürlich auch eine prima Sache um Kollegen aus der Branche zu treffen und eventuell die Fühler nach dem vielversprechenden AD von der Konkurrenz auszustrecken.
So, lange herumgeredet aber eigentlich will ich sagen: Gute Kandidaten wissen was auf sie zukommt, aber kennen auch ihre Möglichkeiten. Daher wählen sie letztendlich eben doch bewusst eine etablierte Agentur in Berlin, Frankfurt oder Hamburg. Und auch wenn bei dem Absolventen/Agenturverhältnis klar sein sollte das nicht jeder in Hamburg Werbung für den Stern auf der Haube machen kann, so versucht es eben trotzdem jeder. Irrational, aber ein Beispiel für „es wird mich schon nicht treffen“ denke.
Ich denke das queo im Augenblick sicher noch ein ‚Imageproblem’ hat um geeignete Kandidaten auf bundesweiter Ebene zu finden. Wie du selbst gesagt hast liegt es bestimmt nicht an euren Inhalten, sondern vielmehr an der Mischung aus kleinerer Agentur zusammen mit dem Standort. Dresden hat eben nicht das dynamische Werbeumfeld einer über lange Jahre etablierten Szene wie in anderen Städten und damit auch ein anderes Arbeitsumfeld. Aber diese Dynamik, Kontakt zu anderen Agenturen im Umfeld, Informationen potentielleüber Kunden ist eben auch ein wichtiger Faktor bei der Jobwahl. Von der Arbeitgeberperspektive ist es sicherlich komisch die Konkurrenz hier als einen Faktor zu sehen, aber letztendlich würde es dem gesamtem Sektor helfen wenn sich mehr Fische im Teich tummeln.
Viel Erfolg weiterhin!
P.S. Falls du es noch nicht gelesen hast: „39,90“ von Frederic Beigbeder ist der Buchklassiker des Agenturgeschäfts.
