Podcast über Barrierefreiheit
Ähnlich zu “queo liest” könnte dieser Artikel auch das Prefix “queo hört” tragen. Es geht nämlich um den Chaosradio Express Artikel “Barrierefreiheit im Web“. Generell beschäftigt sich das Chaosradio Express mit den unterschiedlichsten Themen, die im IT Bereich aktuell sind. Im Beitrag vom 08.02. wird auf die verschiedenen Probleme eingegangen, die behinderte Menschen im Umgang mit dem Internet haben können. Von Blindheit über motorische Beeinträchtigung bis hin zu Farbschwächen sind die Einschränkungen von Personen, die trotzdem das Internet sinnvoll nutzen, sehr breit gefächert. Aber auch die Vorteile, die nicht behinderte Menschen mit einer barrierefreien Seite haben, sind ein gutes Verkaufsargument für Optimierungen einer Website in diese Richtung.
Der Moderator Tim Pritlove spricht mit Tomas Caspers und Jan Eric Hellbusch, welche auf dem Weg zur Verleihung des BIENE-Awards (scherzhaft als Love Parade der Accessibilty-Scene bezeichnet) einen kurzen Abstecher in sein Studio gemacht haben. Tomas Caspers arbeitet für die Aktion Mensch, speziell an der Aktion “Einfach für alle“, eine Aufklärungskampagne für Webentwickler zum Thema “Menschen mit Behinderung im Internet”. Jan Eric Hellbusch, selbst sehbehindert, ist Autor eines Buches über barrierefreies Webdesign. Außerdem ist er Berater und Tester für barrierefreie Webseiten.
Zu Beginn des knapp zweistündigen Interviews wird kurz über die Entwicklung von Webstandards und Browsern gesprochen. Nach der Vorstellung der beiden Gäste wird über den Begriff der Barrierefreiheit diskutiert.
Jan führt an, dass jede Behinderung individuell ist und auch jede Person eine Website anders wahrnimmt. So soll zum Beispiel Comic Sans für einige Sehbehinderte am besten lesbar sein.
Beim Thema Screenreader wird lobend erwähnt, dass diese bei Linux oder MacOS schon dabei und auch sehr tief im Betriebssystem integriert sind; Windows hingegen bietet kein nutzbares Tool, hier muss auf Drittanbieter zurückgegriffen werden. Doch durch den größeren “Abstand” zum Betriebssystem verfügt ein solch externes Tool natürlich über weniger Kompatibilität oder Funktionen. Als Beispiel wird im Beitrag Blindows in Verbindung mit dem Webformator genannt. Durch letzteren kann man als Entwickler sehen, wie ein Blinder die Webseite erfährt.
Alternativtexte bei Bildern und die Strukturierung der Webseite durch Überschriften, Absätze und Listen gehören eigentlich schon zum Standard eines guten Webentwicklers. Auf diese Weise werden auch Screenreader und andere Hilfsmittel beim richtigen Umgang mit dem Content unterstützt. Eine line-height von 1.4 bis 1.5 hilft, Texte schneller lesen und somit besser verstehen zu können. Manchmal herrscht auch der Glaube vor, dass große Schrift Sehbehinderten hilft. Wer jedoch einen Tunnelblick hat, dem sind riesige Buchstaben eher ein Nachteil. Das Zauberwort hier heißt skalierbare Schrift.
Neben diesem war auch ein anderer Punkt wichtig für die Barrierearmut einer Seite: Entwickler sollen dem User – und seinem Browser – die Möglichkeit geben, das CSS an seine speziellen Bedürfnisse anzupassen. So kann man beispielsweise eine Farbfehlsichtigkeit (rot-grün-Schwäche als bekanntester Vertreter) kompensieren, von der immerhin 7-10% aller Männer in Deutschland betroffen sind. Auch bei Diagrammen sollten deswegen nicht nur Farben, sondern auch Strukturen oder Muster zur Unterscheidung der Abschnitte verwendet werden.
Auch sehr interessant war der Wechsel zum Thema Podcasts. Diese werden von Blinden gern heruntergeladen, damit sie die Audio-Datei in einem anderen Player schneller als normal abspielen können. Blinde verfügen nämlich über ein besseres Gehör und können auch Gesprochenes ca. 4-6 mal schneller verarbeiten als Sehende.
Doch nicht nur auf Sehbehinderungen muss Rücksicht genommen werden. Auch Leute mit motorischen Einschränkungen – oder solche, die die Maus einfach nicht benutzen wollen – gehören zu Nutzern des Internets. Spracheingaben oder Shortcuts mit bis zu 4 Tasten gleichzeitig sind bei Behinderten normal.
Eine Person mit einer Leseschwäche, als weiterer Vertreter, kann sich beim Umgang mit dem Internet an den Fav-Icons seiner Favoriten oder den Symbolen vor Menüeinträgen orientieren, um durch das Web zu surfen.
Zusätzlich ergeben sich aber auch für alle nicht-behinderten Menschen viele Vorteile aus barrierefreien Inhalten im Web. So können nicht-tabellenbasierte Layouts besser auf Mobiltelefonen dargestellt werden und die Verwendung von Strukturelementen macht die Seite (meist) verständlicher. Auch ist der Einarbeitungsaufwand für einen Programmierer in standardisierten Code viel geringer und einfacher als in mehrfach geschachtelte Tabellen oder Spacer-GIFs.
Abschließend lässt sich sagen, dass die 107. Ausgabe des Podcast ein sehr interessanter Beitrag ist, der auch Punkte beleuchtet, an die man als Webentwickler, der nicht immer mit barrierefreien Seiten zu tun hat, nicht denkt. Man erkennt, wie behinderte Menschen das Internet nutzen und was für Probleme dabei auftreten. Die Links auf der Podcast Seite enthalten weitere Informationen zu den besprochenen Themen. Wer jetzt aber DEN einen richtigen Weg zum perfekten Internetauftritt erwartet, wird auch mit diesem Podcast nicht fündig werden – diesen Tipp wird es aber wohl (noch?) nirgendwo geben…